Der Karren steckt im Dreck

Am Wochenende wurde mir (und vielen anderen) das Video “Corona geht gerade erst los” von #maiLab in meine Twitter-Timeline gespült. #maiLab-Macherin Mai Thi Nguyen-Kim ist promovierte Chemikerin, moderiert u.a. abwechselnd mit Ralph Caspers im WDR die Sendung “Quarks” und betreibt seit 2015 verschiedene wissenschaftliche YouTube-Angebote. 

Im Video trägt uns Mai Thi anhand von Modellierungen der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie und des Robert Koch-Instituts durch verschiedene Szenarien zum weiteren Verlauf der Corona-Epidemie in Deutschland und zu deren möglicher Eindämmung. Den Szenarien ist gemein, dass sie nicht viel Gutes verheißen: Der Karren steckt tief im Dreck und es wird alles andere als ein heiteres Kinderspiel, ihn da wieder heraus zu bekommen. 

Auch ohne wissenschaftliche Vorkenntnisse gehe ich davon aus, Mai Thi in ihrer Zusammenfassung den Stand der Dinge ziemlich korrekt wiedergibt. Dann stünden wir noch ziemlich am Anfang von Corona und somit auch am Anfang unserer Krisenbewältigungsstrategie. In Wissenschaft und Medizin scheint es darüber – trotz unterschiedlicher Nuancierungen, Perspektiven und Radikalitäten – im Grundsatz ein gemeinsames Verständnis zu geben. Aus Richtung von Politik und Wirtschaft flackert zwar hie und da die Frage nach dem Exit aus dem Lockdown auf – weil sich der momentane Zustand natürlich nicht mehr ewig tragen lässt – aber mit dem, was wir heute über das Virus und seine Ausbreitung wissen und nicht wissen, ist es höchst unwahrscheinlich, dass Frau Merkel am 20. April Corona für beendet erklären wird. 

Viel wahrscheinlicher erscheint es aus heutiger Sicht, dass es noch ein paar Wochen oder sogar Monate in einem ähnlichen, vielleicht sogar partiell weiter verschärften Modus weitergehen wird. Bis hin zum harten Wuhan-Style-Lockdown ist im Prinzip alles denkbar.

Ich lehne mich aus dem Fenster. Zuhause, versteht sich.

Wenn wir das oben Umrissene alle bereits ahnen oder sogar mit Bestimmtheit wissen, wäre es dann nicht sinnvoll, den Zustand akuter Alarmiertheit langsam wieder 

abzuschütteln und damit aufzuhören, im Krisenmodus zu denken und zu handeln? Das, was ist, wird nämlich bis auf Weiteres unsere neue Normalität sein, die auf den Besonderheiten des Hier und Jetzt aufsetzt und die solange regieren wird, bis wir das Thema Corona hinter uns gebracht haben. Und auch danach werden wir das, was uns bis vor wenigen Wochen als normal erschien, nicht mehr wiederbekommen. Denn Corona hat – platt gesagt – unsere Welt einmal durch den Fleischwolf gedreht und wieder ausgespuckt.

Die neue Normalität anzunehmen und zu leben, bedeutet nicht, die Situation zu verharmlosen. Das wäre nicht nur ein ziemlicher Unsinn, sondern geradezu fatal. Für viele Menschen stellt die Corona-Epidemie eine akute Bedrohung dar – ob gesundheitlich oder wirtschaftlich. Auch für mich persönlich ist die Bedrohung existentiell. Dennoch halte ich den mentalen Ausstieg aus der Krise für unabdinglich. Denn es ist so, dass die Situation die Situation ist. Wir können das zwar kollektiv unglaublich blöd finden und völlig zurecht weghaben wollen, das ändert jedoch nichts an der Situation. Und da wir die Situation unmittelbar nicht ändern können, ist die einzige Stellschraube, die uns aktuell bleibt, uns selbst in unserem Denken und Handeln und letztlich in unserem Umgang mit der Situation zu verändern. 

Das gilt für jeden Einzelnen, lässt sich aber auch gut auf die Ebene der Unternehmen übertragen. Wir alle haben in den vergangenen Wochen bewiesen, dass wir Veränderung können. Wir könnten nun beispielsweise darauf aufbauen, was wir bereits über virtuelle Kollaboration, über neue Vertriebswege und neue Geschäftsmodelle gelernt haben. Und wir könnten sogar ein bisschen stolz darauf sein, dass es insgesamt und unter dem Strich (und natürlich abzüglich aller denkbaren und nicht weg diskutierbaren whatabouts) wirklich ganz manierlich funktioniert. Natürlich können wir das Virus nicht ausblenden, aber wir können mit Initiativen wie #WirVsVirus oder mit internationalen wissenschaftlichen Kooperationen daran arbeiten, beim kurz- und mittelfristigen “Management” von Corona schneller, besser und effektiver zu werden. Wir können in Projekten wie #MiaGehnOnline gemeinsam mit den kleinen UnternehmerInnen und Selbständigen erarbeiten, was sie im neuen Normal sinnvollerweise anbieten können und herausfinden, welche Hilfestellung sie dafür konkret brauchen. Und wir können Dinge in die Umsetzung bringen – pragmatisch und unbürokratisch wie selten zuvor.  

Auch für den Mittelstand und die großen Unternehmen wird es Zeit, aus der Schockstarre zurückzukommen und sehr genau hinzuschauen, in welchen Bereichen sie im Rahmen des neuen Normals voranschreiten können. Wir sehen, dass einige kleinere und größere Unternehmen, die bislang Autos, Zubehör oder Landmaschinen produziert haben, Teile Ihrer Produktion auf die Herstellung von Beatmungsgeräten und Schutzmasken umstellen. Destillerien produzieren neuerdings Desinfektionsmittel statt Gin. Wenn solche großen und einschneidenden Veränderungen in so kurzer Zeit passieren können, dann geht ganz sicher noch sehr, sehr viel mehr. Denn plötzlich sind wir nicht nur kreativ und innovativ, wir sind auch ein ganzes Stück mutiger als zuvor. 

Und wir merken, dass das wirklich gut funktioniert. Übrigens auch deshalb, weil Menschen die Silos in ihren Köpfen überwinden und sich – mehr denn je – miteinander vernetzen. Sie schauen über den Tellerrand des eigenen kleinen Universums hinweg und kooperieren mit anderen. Und wenn Kreativität, Innovationskraft, Mut und Kollaboration zusammen kommen,  mahlen die Mühlen, die man zunächst durch das Virus stillgelegt glaubte, an vielen Stellen mit atemberaubender Geschwindigkeit. 

Es ist freilich ein Treppenwitz, dass Corona die Digitalisierung in Deutschland weiter voran gebracht hat, als es irgendeine politische oder wirtschaftliche Initiative es bisher vermochte. Aber die eigentliche Veränderung ist größer und hört bei der Digitalisierung nicht auf. Corona legt den Finger deutlich auf all unsere Wunden, sei es in der Technologie, in der Wirtschaft, in der Politik oder auch in der Gesellschaft. Das ist tränenreich und sehr schmerzhaft. Doch wir haben dadurch wieder einen sehr guten Blick auf unsere Schwächen und unsere Stärken bekommen und wissen damit viel konkreter als vorher, woran wir gemeinsam arbeiten müssen und worauf wir bauen können. Wir erkennen, dass wir gemeinsam und beherzt mehr schaffen können, als wir jemals gedacht hätten. Es wäre schade, wenn wir uns weiter in den Krisenmodus weg ducken würden, statt das Momentum und die Potenziale unserer neuen Normalität für uns zu nutzen.